Ausgewählte Protokolle der Philosophischen Spaziergänge

Weitere Themen:

Was ist Gemeinschaft?
Was ist Korruption?
Was ist gerecht?
Was ist Mut zum Denken?
Was ist Verantwortung?
Was ist ernst?
Was ist Toleranz?

Auf Anfrage sende ich ihnen einzelne Protokolle gerne Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu.

 


26. Sptember 2021 um 00:10. Einladungstext: Was ist ein Philosophischer Spaziergang?

Liebe BallonfahrerInnen des Geistes,

der Philosophische Spaziergang feiert dieses mal seinen ersten Geburtstag. In seinem ersten Jahr sind unterschiedliche Menschen folgenden Themen nachgegangen:

• Was ist Gemeinschaft? • Was ist Empathie? • Was ist Illusion?
• Was ist ein philosophisches Haustier? • Was ist gerecht? • Was ist Verantwortung?
• Was ist Toleranz? • Was ist Identität? • Was ist Korruption?
• Was ist das Fremde? • Was ist Mut zum Denken? • Was ist ernst?

 

Die protokollierten Ergbnisse dieser Begehungen sind beachtlich und ich hoffe, dass die Philosophischen Spaziergänge in einer geplanten Buchreihe des Berufsverbandes für Philosophische Praxis Platz finden. Jede einzelne Veranstaltung hat bewiesen, dass jeder Mensch über erstaunliche denkerische Fähigkeit verfügt, die sich durch die Gruppe beinahe potenziert. Das soll gefeiert werden.

FestspaziergangseinladungDaher gibt es nächsten Sonntag keine Teilnehmerbeschränkung und als thematischen Proviant für unseren Philosophischen Spaziergang am So, 3. Oktober um 15:00 Uhr (Treffpunkt Tannengasse 1 in 2230 Gänserndorf vor Top 7), schlage ich daher folgendes vor: Was ist ein Philosophischer Spaziergang?

Ich hoffe auf regen Besuch, denn jene, die bereits dabei gewesen sind sollen diesmal jenen, die es noch nicht waren und mir, das Wesen des Philosophischen Spaziergangs erklären. Es wird sicher interessant sein zu hören, wie das einjährige Geburtstagskind charakterisiert wird. Nach unserem gemeinsamen Spaziergang sollten wir - begleitet von konventionellen wie vegetarischen Würstel, Wein und alkoholfreien Getränken - den Philosophischen Spaziergang feiern. Aus organisatorischen Gründen ersuche ich um eine formlose Anmeldung per Mail.

Wem das Ergebnis unseres Nachdenkens im September über die Frage "Was ist ernst" näher interessiert, dem sende ich auf Nachfrage das Protokoll gerne
per Mail zu.

Weil wir so jung später nicht mehr zusammen kommen werden, habe ich für alle die Interesse an einer Altersvorsorge haben einen dreiteiligen Workshop mit dem Titel "Das Leben ist kurz, die Kunst zum glückseligen Altern lang" an der VHS-Strasshof konzipiert, der am 18.10.2021 startet.

Freundliche Grüße

Reinhard Krenn

 

So, 3.10.2021, 15:00 – 20:00 Uhr
Was ist ein Philosophischer Spaziergang?
TeilnehmerInnen: Anja, Anna, Bernd, Elke, Leopold, Matthias

Herbst und Sommer, stürmischer Wind und strahlender Sonnenschein, begleiteten die TeilnehmerInnen des Philosophischen Festspaziergangs, anlässlich seines ersten Geburtstages. Zwei Routiniers hatten sich bereit erklärt eine Laudatio auf das Geburtstagskind zu halten, um den Eleven einen Eindruck von seinem Wesen zu vermitteln. Daher hielten wir nach rund einem Drittel der Wegstrecke an, um der ersten Beschreibung zu lauschen.

Das Kind wurde ganz ordentlich charakterisiert, zunächst sein Äußeres in Form der einzelnen Wegstrecken, also quasi seine Gliedmaßen, von denen es fünf gibt: Im ersten Wegabschnitt wird schweigend der Kontakt mit dem eigenen Innenraum aufgenommen, um eine erlebte Geschichte im Gedächtnis zu finden, die einen starken BezuCollage des Festspaziergangsg zum thematischen Proviant hat. Dann lässt sich einer der TeilnehmerInnen hinter die Gruppe zurückfallen, erzählt seine Geschichte und beantwortet Fragen der Gruppe zu den Details seiner Erzählung. Jetzt kann die Anekdote analysiert werden, damit brauchbare Elemente für den nachfolgenden Definitionsversuch des Begriffs (Thema) aufgestöbert werden können. Im vorletzten Abschnitt versucht die Gruppe eine gemeinsame Definition zu finden, Im fünften und letzten Wegabschnitt wird diese Definition auf ihre Schwachstellen hin untersucht und eventuell noch verbessert. Der Charme des Philosophischen Spaziergangs ist abseits der Gliederung zu finden; nämlich in der erstaunlichen Tatsache, dass unterschiedliche Menschen auf ihrem gemeinsamen Weg dem Begriff in seine Tiefe und Komplexität hinein folgen, ohne dass dies als mühsam empfunden wird, sondern im Gegenteil: sie kommen lebendiger und geistig erfrischt wieder am Ausgangspunkt an.

Vielleicht verführte die Aussicht auf kühle Getränke und Grillwürste zu dem ungewöhnlich eiligen Schritttempo, vielleicht lag es aber auch daran, dass wir diesmal die Routine verlassen und keinen thematischen Proviant hatten, der die Wege nachdenklich macht und den Schritt zügelt, weil die Gedanken Platz zur Rumination brauchen. Wie auch immer, kurz vor Beginn des letzten Drittels versammelten wir uns ein weiteres mal im Kreis, um die zweite Laudatio zu hören.

Die Entwicklung des Kindes stand dabei im Mittelpunkt. Es kam auf die Welt, als die zweite Welle der Coronakrise im Herbst 2020 über uns hereinbrach und wurde darob fast übersehen. Tapfer hielt es trotz des gefährlichen Aufmerksamkeitsmangels durch und gab immer wieder kräftige Lebenszeichen in Form von lautmalerischen Themenstellungen von sich. Jene, die das Kind besuchten waren überrascht über den wohltuenden Kontakt und wunderten sich, dass diese Eigenschaft nicht mehr Menschen anlockt. Dem Kind wurde nicht nur Zähigkeit und Liebreiz attestiert, sondern auch eine Zukunft.

Wie üblich erhielt das Geburtstagskind auch Geschenke. Eines davon war ein goldener Schuh, gespickt mit den zwölf bisher behandelte Begriffen, der sogar die Aufmerksamkeit des lediglich ballesteraffinen Jungvolks auf sich zog. Alles, das über sich hinaus wächst beginnt mit einer Zuneigung. Die Liebe zum Sport ist nicht die schlechteste Voraussetzung für die Liebe zur Weisheit, denn der spanische Philosoph José Ortega y Gasset beschreibt die Eigenschaft eines Menschen mit einem Hang zur Philosophie so:

"Das bedeutet, dass im Inneren des biologischen und auf Nützlichkeit bedachten Menschen ein anderer Mensch verschwenderischer und sportlicher Art verborgen ist, der anstatt sich das Leben durch Nutzung der Realien zu erleichtern, sich das Leben im Gegenteil schwermacht, indem er an die Stelle des beruhigten Seins der Welt das unruhige Sein der Probleme setzt."

In diesem Sinne werden sich auch Anfang November Seefahrerinnen und Seefahrer des Geistes auf den Weg machen, um das unruhige Sein zu liebkosen.

 


28. April 2021 um 14:00 Einladungstext: Was ist das Fremde?

Liebe SeefahrerInnen des Geistes,

im Oktober 2020 traf sich eine Arbeitsgruppe im Cohousingprojekt Lebensraum, um über „das Fremde, das Andere“ zu diskutieren. Auslöser war ein Vorfall mit einem „fremden“ Kind. Der Vorfall trug eine Schleppe hinter sich her: die Abwehrreflexe in der Nachbarschaft, die auch zu beobachten sind, wenn fremde Menschen über das gemeinsame Grundstück huschen oder unvertraute Ideen in das Gemeinschaftsprojekt eingeschleppt werden.

Wie steht es mit unserer Gastfreundschaft? Die Kunst, wie die Philosophie, sind verpflichtet, „den Verrat am Fremden, an dem was anders ist als der subjektive Geist, rückgängig zu machen“ (Byung-Chul Han in „Die Austreibung des Anderen“). Gastfreundschaft verspricht immerhin Versöhnung, ja mehr noch: Schönheit!

Wir werden schließlich immer für unseren guten Willen, unsere Geduld, Billigkeit, Sanftmütigkeit gegen das Fremde belohnt, indem das Fremde langsam seinen Schleier abwirft und sich als neue unsägliche Schönheit darstellt – es ist der Dank für unsere Gastfreundschaft.
Friedrich Nietzsche in „Die fröhliche Wissenschaft“

Der thematische Proviant für unsere gemeinsame philosophische Untersuchung am So, 2.5.2021, Treffpunkt 16:30 Uhr Tannengasse 1 in 2230 Gänserndorf vor TOP 7, besteht in der Frage: Was ist das Fremde?

(Die TeilnehmerInnen haben vor Ort die Möglichkeit sich auf eine andere Fragestellung zu einigen). Eine Anmeldung aufgrund der beschränkten Teilnehmerzahl (max. 5) ist ratsam. Wem das Ergebnis unseres Nachdenkens im April über philosophische Haustiere näher interessiert, dem sende ich auf Nachfrage gerne das Protokoll per Mail.William Hodges: Resolution und Adventure mit einem Fischerboot in der Bucht von Matawai (Tahiti)

Bzgl. möglicher Bedenken im Zusammenhang mit dem frei flottierenden und wandelbaren Covid19-Virus möchte anmerken, dass die Veranstaltung im Freien stattfindet und dass die geometrische Anordnung der SpaziergängerInnen einen Mindestabstand von zwei Metern ermöglicht. Die gesundheitliche Gefahr erscheint mir durch die Angst vor dem Fremden wesentlich größer zu sein, als durch einen Spaziergang im Freien.

Zuletzt möchte ich allen SeefahrerInnen des Geistes noch ein brandneues elektronisches Schiff präsentieren, das speziell für philosophische Südseereisen konzipiert wurde: https://philosophischer-praktiker.at/

Freundliche Grüße

Reinhard Krenn


So, 2.5.2021, 16:30 – 18:00 Uhr
Was ist das Fremde?
TeilnehmerInnen: Anna, Marianne

Das Sturmtief „Daniel“, mit bis zu 100 km/h Windgeschwindigkeit, hatte zwar bis zum Nachmittag an Kraft eingebüßt, das Wetter war aber nasskalt und manche der TeilnehmerInnen ließen zu Beginn Sorge wie Unlust durchblicken. Die Begegnung mit dem Fremden da Draußen erzeugt nur selten eine Atmosphäre der lustvollen Neugier.

Jedoch, die gefundene Geschichte zum Thema, die bald auf dem geistigen Untersuchungstisch vor uns lag, nahm unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Aufmerksamkeit, als das natürliche Gebet der Seele (Nicolas Malebranche), förderte einige Eigentümlichkeiten des Fremden zutage.

Erstens ist das Fremde immer das Andere. Etwas, das außerhalb unserer Gewohnheiten liegt; in einer Zone „out of the box“, außerhalb der heimeligen Komfortzone. Zumeist begegnen wir ihm mit gebührendem Respekt, manchmal überhaupt nicht und bisweilen ziehen wir einen Bannkreis der Angst um es herum, oder belächeln das Seltsame.

Zweitens gibt es immer eine gemeinsame Grenze und Grenzregion zum Fremden, in der Begegnungen stattfinden können oder passieren, denn beide bewegen sich, einmal das Fremde und anderseits bewegen wir uns, solange wir nicht tot sind. Die zwei Teilnehmerinnen am Spaziergang haben sich am Ende gewundert, warum sich nicht mehr Menschen für Philosophie und den Philosophischen Spaziergang im Konkreten interessieren? Eine Erklärung ist, dass sich manche Menschen geistig auf Eis legen. Sie sind zwar nicht tot, haben aber wenig Lust das gewohnte Territorium zu verlassen – notfalls geben sie sich mit einem Terrarium in Form eines Rätselheftabos zufrieden. So können sie die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung mit dem allzu Fremden reduzieren. Doch sie verringern damit auch ihre geistige Spannkraft, die wie der Körper, ständige Übung und Bewegung in vielfältiger Form braucht, um geschmeidig und lebendig zu bleiben.

Drittens hat das Fremde für hungrige, flexible, nomadische, und ewig begehrende Menschen, die wenig mit den geriatrischen Maximen „satt, still und sauber“ anfangen können, eine verführerische Anziehungskraft. „Neugier ist der Katze Tod“ ist eine Redensart, die aus dem 16. Jahrhundert stammt und nicht zufällig in der großen Seefahrernation England entstanden ist, denn die Engländer und andere europäische Nationen bekamen ab der Mitte des 15. Jahrhundert imperiale Eroberungsgelüste. Das Neue wurde attraktiv und die geschichtliche Epoche Europas, zwischen 1450 und 1850, nennen wir bis heute Neuzeit.

Das Unendliche, in dem das Fremde haust, grenzt immer an ein Endliches (Aristoteles). Die Grenzen des endlichen Menschen sind jedoch, Heraklit zufolge, unendlich porös. Die Poren des Menschen enden nicht, sie sind grenzenlos, so wie der Horizont, der den Seefahrern und Wanderern erscheint. Wer sich nicht bewegt ist tot. Wenn der Mensch sich bewegt begegnet er automatisch irgendwann dem Fremden. Wenn er die Begegnung überlebt und dabei seine seelischen Kräfte, die Bewusstsein und Aufmerksamkeit herstellen dabei nicht traumatisiert werden (m.a.W. wenn das zuvor erwähnte „natürliche Gebet der Seele“ nicht gestört wird), sodass er die gewonnenen Erfahrungen in seinem Gedächtnis speichern kann, dann mutiert dieser Mensch zum Experten, zum Welterfahrenen, zum Vielerfahrenen.

Viertens lässt sich also die Begegnung mit dem Fremden nicht vermeiden. Sie ist Risiko und Chance zugleich. Wir können das Risiko minimieren, indem wir nicht nur rechts- oder linksdrehende Kulturen in unser Joghurt einarbeiten, sondern eine Kultur der heiteren Gelassenheit entwickeln, eine Praxis des ruhigen Gebets der Seele einüben, bzw. uns allmählich in eine Fassung bringen, die ruhige und stabile Aufmerksamkeit des Geistes ausstrahlt.

Ebenso können Kompetenzen und Fähigkeiten die Gefahr bei einer Begegnung mit Aliens (lateinisch „Fremde“) reduzieren. Aber hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn um fähig zu werden, müssen wir lernen. Um zu lernen, brauchen wir Ruhe, Aufmerksamkeit und Konzentration. Wie lösen Katzen und Menschen dieses Problem? Durch Seinsgewissheit. Zu diesem fremden philosophischen Begriffsmonster baut der umsichtige Philosophische Praktiker am Besten rasch eine Pontonbrücke. Seinsgewissheit; das können wir für unsere Zwecke übersetzen mit „Vertrauen in das Universum“. Es braucht Urvertrauen, um komplexere Zusammenhänge allmählich zu begreifen. Seinsgewissheit wie Urvertrauen haben ihre Basis in der Vorahnung, dass es das völlig Fremde eigentlich gar nicht gibt. Die darstellenden Künste liefern dafür anschauliches Material: an Aliens, egal ob sie über Bildschirme flimmern, flach gepresst auf Leinwände hausen oder plastisch in Form von Skulpturen vor uns stehen, entdecken wir immer auch bekannte Gefüge.

 


 10. April 2021 um 10:12. Einladungstext: Was ist ein philosophisches Haustier?

Liebe SeefahrerInnen des Geistes,

es bellt, miaut und zwitschert stärker denn je. Die Haustierpopulation wächst rasanter als die Weltbevölkerung. Wie Tierschutz Austria Mitte März verlautbarte, ist die Nachfrage nach Haustieren seit dem ersten coronabedingten Lockdown im März 2020 allgemein gestiegen, die nach Hunden hat sich verdreifacht.

Als Gründe werden genannt; “weil man spazieren gehen muss”, damit man die Einsamkeit - und vermutlich auch die Langeweile - vertreiben kann und beschäftigt ist. Außerdem glauben Eltern mit den Heimtieren der digitalen Versuchungen ihrer Kinder etwas entgegenhalten zu können und hoffen, dass ihre Sprösslinge so lernen “Verantwortung zu übernehmen”, meint die Psychologin Lueger-Schuster von der Arbeitsgruppe Psychotraumatologie an der Universität Wien. Das sind gute Nachrichten für den Haustiermarkt und seinen Zulieferbetrieben - ihre Umsätze befinden sich Steigflug.

Zeit für “Flugscham”? Nein, aber vielleicht Zeit zu prüfen, ob die Beschäftigung mit Philosophie nicht ähnliche Effekte erzielt, wie das Halten eines Haustiers. Spazieren gehen kann man damit. Friedrich Nietzsche vertrat die Haltung, man dürfe “keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, — in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.” Sogleich noch einmal Nietzsche, aber diesmal passend zu Beschäftigung und Langeweile: “Wer des Spieles überdrüssig geworden ist und durch neue Bedürfnisse keinen Grund zur Arbeit hat, den überfällt mitunter das Verlangen nach einem dritten Zustand, welcher sich zum Spiel verhält, wie Schweben zum Tanzen, wie Tanzen zum Gehen, nach einer seligen, ruhigen Bewegtheit: es ist die Vision der Künstler und Philosophen von dem Glück.” Auch hierzu ist kein Haustier nötig. Es verbleibt zuletzt die Frage: was befähigt Tiere, Menschenkinder besser zu erziehen, als Eltern, die zur philosophischen Reflexion fähig sind?

Der thematische Proviant für unsere gemeinsame philosophische Untersuchung am So, 18.4.2021, Treffpunkt 16:30 Uhr Tannengasse 1 in 2230 Gänserndorf vor TOP 7, besteht in der Frage Was ist ein philosophisches Haustier? (Die TeilnehmerInnen haben vor Ort die Möglichkeit sich auf eine andere Fragestellung zu einigen). Eine Anmeldung aufgrund der beschränkten Teilnehmerzahl (max. 5) ist ratsam. Wem das Ergebnis unseres Nachdenkens im März über die Korruption näher interessiert, dem sende ich auf Nachfrage gerne das Protokoll per Mail.

Bzgl. möglicher Bedenken im Zusammenhang mit dem frei flottierenden und wandelbaren Covid19-Virus, zitiere ich eine indizierte Passage der Verordnung vom 7.4.2021:

§13.(3) Ausnahmen vom Veranstaltungsverbot:
10. Zusammenkünfte von medizinischen und psychosozialen Selbsthilfegruppen
Da die TeilnehmerInnenanzahl auf fünf limitiert ist, die Veranstaltung im Freien stattfindet und dadurch, dass die geometrische Anordnung der SpaziergängerInnen einen Mindestabstand von zwei Metern ermöglicht, sehe ich keinen Gesetzesverstoß durch den Philosophischen Spaziergang - die gesundheitliche Gefahr erscheint mir durch Emotionen wie Wut, Angst oder Sorge wesentlich größer zu sein, als durch einen Spaziergang im Freien.
Eine weitere Ausnahme unter §2.(1) scheint für unsere Thematik maßgeschneidert:
f) die Versorgung von Tieren.

Nachdem aufgrund des kurzfristig verkündeten Lockdowns und seiner spontanen Verlängerung der Philosophische Spaziergang bereits zweimal verschoben werden musste, freue ich mich umso mehr auf die gemeinsame Jagd nach dem philosophischen Haustier.

Liebe Grüße

Reinhard Krenn


18.04.2021 16:30-18:00 Uhr
Was ist ein philosophisches Haustier?
TeilnehmerInnen: Mariela, Anja (+Kinder), Marianne, Anna

Diesmal war vieles anders, denn jeder musste seinen eigenen thematischen Proviant mit den Anderen teilen. Wir waren schließlich aufgebrochen, um möglichst viele philosophische Haustiere kennen zu lernen. Ein philosophisches Haustier haust im Kopf eines Menschen. Es ernährt sich aus einem philosophischen Problem, das seinem menschlichen Begleiter in seinem Leben immer wieder begegnet und über das er nachdenkt.

Vermutlich aufgruPhilosophischer Spaziergang im April 2021nd von betreuungstechnischen Schwierigkeiten, vielleicht aber auch, weil die Philosophischen Spaziergänge schon so eine Strahlkraft entwickelt haben, begleiteten uns auch zwei Kinder (fast sechs und etwas über acht Jahre alt). Als die geometrische Spazierordnung besprochen wurde und der Begriff „zurückfallen lassen“ genannt wurde, da fiepte plötzliche ein ganz junges philosophisches Haustier und sein kleiner Begleiter fragte: „Warum müssen wir uns fallen lassen?“ Nachdem das philosophische Begriffsproblem gelöst war, schlief das Haustier beruhigt ein und wir marschierten schweigend los, um weitere philosophische Haustiere zu entdecken. Gefunden haben wir schließlich ein philosophisches Muttersprache-, Coronakrisen-, Lebensbühne-, Glücks- und Lusthaustier.

Das Muttersprachehaustier ernährt sich von Fragen – wie übrigens alle philosophischen Haustiere, was bedeutet; dass wer selten Fragen stellt, fast nie von so einem Gefährten begleitet wird. Geboren wurde es in Österreich, fern der Heimat seiner Begleiterin, u.z. ein paar Monate vor Geburt ihres ersten Kindes, denn da stellte sie sich erstmals die Frage, ob das Kind neben Deutsch auch die Sprache ihrer Heimat lernen sollte. Dieses Kind, wie auch das Zweite, wuchsen einsprachig auf. Gleichzeitig gedieh das Muttersprachenhaustier, denn Fragen nach der Bedeutung der Muttersprache stellten sich häufiger und das Dilemma wurde größer, je älter die Kinder wurden. Philosophische Haustiere können, wie die von der gewöhnlichen Sorte, zum Problem werden. Nämlich dann, wenn sie einem über den Kopf wachsen. Daher sollten seine BegleiterInnen ihren Verstand benutzen und bei Gefahr die philosophische Disziplin der Begriffserläuterung einsetzen, also die Unterscheidung der verschiedenen Bedeutungen eines Begriffs. Gerade beim Begriff „Muttersprache“, der soviel Gewicht mit sich herum schleppt, scheint dies angebracht.

Das Coronakrisenhaustier – eine Unterart des Krisenhaustiers – mutierte zum beliebtesten philosophischen Haustier des Jahres 2020 und liegt wahrscheinlich auch in der Jahreswertung 2021 voran. Es zu ernähren ist kinderleicht, denn seine Nahrung findet es derzeit rund um die Uhr von selbst und neigt daher zu Fettleibigkeit. Empfehlenswert ist eine elenktische Diät. Die Elenktik ist ein methodisches Verfahren, das schon Sokrates verwendete. Es kann sehr gut eingesetzt werden um den Wissensanspruch der multimedial auftretenden Erklärer, Beschwichtiger und Skandalisierer zu prüfen, in dem man die Schritte Fragen, Prüfen und Widerlegen auf ihre Aussagen anwendet. Dadurch bleibt der Kopf kühl, die Füße warm und das Herz schlägt kräftig und ruhig.

Das Lebensbühnehaustier zählt eher zu den exotischen philosophischen Haustieren. Es ist daher gar nicht einfach es halbwegs stringent zu beschreiben. Seine Begleiterin hat das Gefühl auf einer Lebensbühne zu stehen und in Stücken mitspielen zu müssen, deren Bühnenfassung sie nicht ausstehen kann, in Rollen, die sie nicht mag. Es ist ihr weder möglich autonom zu handeln und nicht mitzuspielen, noch eine Art Schauspielergewerkschaft zu gründen, um gemeinsam mit anderen, die auf der Bühne stehen, gegen das Stück erfolgreich zu protestieren, weil es verschiedene, mächtige und unsichtbare Regisseure gibt, mit denen man keinen Kontakt herstellen kann. Gleichzeitig, und das macht den Fall kompliziert – aber philosophisch interessant – sitzt sie auch im Publikum. Wenn sie klammheimlich die Bühnenarbeiter besticht und die Bühne umbauen lässt, ist das nur kurzfristig erfolgreich, weil sich bald wieder unliebsame Regieanweisungen oder SchauspielkollegInnen auf die Bühne drängen und das Stück verhunzen. In so einer verzwickten Situation ist guter Rat teuer und kann wahrscheinlich nur in einem mäeutischen Gespräch Kontur annehmen. Es schadet aber keinesfalls die Breitbandarznei der Philosophie einzunehmen: die Reflexion, also die Selbstbezüglichkeit des Denkens und der Urteilskraft – die Urform geht auf das delphische „Erkenne dich selbst“ zurück.

Das Glückshaustier vergleicht seine Begleiterin metaphorisch mit einem Wasserläufer, der die Oberflächenspannung des Wassers geschickt nutzt, um glückselig über das Wasser zu gehen – was ja für gewöhnlich nur Messiase fertigbringen. Eine spiegelglatte Wasseroberfläche ist zwar gefahrlos, jedoch auf Dauer vielleicht fad. Der Wasserläufer bekommt ein Problem, wenn die Wellen des Lebens zu hoch werden. Dann stürzt er ins Unglück. Die Frage von dem sich das niedliche Glückshaustier ernährt, besteht in der Frage, ob dauerhaftes Glück möglich ist, und wenn ja, wie es zu bewerkstelligen ist, dass das Glück eingefangen werden kann? Wenn die Begleiterin es verkraften kann, dass ihr philosophisches Haustier aufhört zu quietschen und den Glücksbegriff mit Gleichmut, Gelassenheit oder Seelenruhe näher bestimmt, dann gibt es eine Antwort von Baruch de Spinoza, der sein Hauptwerk „Ethik“ mit folgenden Sätzen beschließt:

„Wenn nun auch der Weg der zur Seelenruhe führt, wie ich gezeigt habe, sehr schwierig zu sein scheint, so lässt er sich doch finden. Allerdings muss etwas schwierig sein, was so selten angetroffen wird. Denn wie wäre es möglich, wenn das Heil so zur Hand wäre und ohne große Anstrengung gefunden werden könnte, dass es von fast allen vernachlässigt wird? Aber alles Erhabene ist ebenso schwer als selten.“

Es gibt unzählige Varianten an philosophischen Haustieren, daher ist auch das bei unserem Spaziergang aufgefundene Lusthaustier sicher nicht das letzte. Dieses Exemplar ist liebt den Rausch, ist rasend und unersättlich und daher schwierig zu halten. Es ernährt sich mit Vorliebe von folgendem Zitat:

Oh Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief —,
„Aus tiefem Traum bin ich erwacht: —
„Die Welt ist tief,
„Und tiefer als der Tag gedacht.
„Tief ist ihr Weh —,
„Lust — tiefer noch als Herzeleid:
„Weh spricht: Vergeh!
„Doch alle Lust will Ewigkeit —,
„— will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
Friedrich Nietzsche „ Also sprach Zarathustra IV“

Das Problem seines Begleiters ist, ob diese unbändige und tiefe Lust, die ja per Definition nicht gefesselt und geknebelt werden kann, kultivierbar ist, sodass die unausbleiblichen nachfolgenden Schmerzen der Lust ohne Murren ertragen werden. Man müsste wahrscheinlich eher von einem philosophischen Wildtier sprechen, Zähmungsversuche unterlassen und stattdessen eine ehrfürchtige Freundschaft zu ihm entwickeln, die auf eigene Autonomie und Würde bedacht ist.

 


30.01.2021, 23:58 Einladungstext: Was ist Illusion?

Liebe SeefahrerInnen des Geistes,

Illusionen und Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. Beleg: Erzähle einfach den Leuten die Wahl sei getürkt, das Kapitol sei sturmreif - ich komme gleich nach, geht ihr schon einmal vor - und schon verwandelt sich eine Fiktion in Realität, die so real ist, dass sie via TV-Bildern in die ganze Welt übertragen wird. Was also hindert uns daran darüber zu philosophieren? Wenn die Philosophie landläufig als Schimäre bezeichnet wird, muss sie doch kompetent sein, dem Phänomen der Illusion auf die Spur zu kommen!

Der thematische Proviant für unsere gemeinsame philosophische Untersuchung am So, 7.2.2021, Treffpunkt 16:00 Uhr Tannengasse 1 in 2230 Gänserndorf vor TOP 7, besteht in der Frage "Was ist Illusion?" (Die TeilnehmerInnen haben vor Ort die Möglichkeit sich auf eine andere Fragestellung zu einigen).

Wem das Ergebnis unseres intimen Nachdenkens im Jänner über die Identität näher interessiert, dem sende ich auf Nachfrage gerne das Protokoll per Mail. Und wer Lust auf einen Maskenball hat, wird hier textlich inspiriert: Blogartikel Maskenaball

Bzgl. möglicher Bedenken im Zusammenhang mit dem frei flottierenden und wandelbaren Covid19-Virus, zitiere ich eine indizierte Passage der Verordnung vom 21.1.2021. Erlaubt ist demnach;

§1.(5) Aufenthalt im Freien zur körperlichen und psychischen Erholung
wenn der Mindestabstand von zwei Metern eingehalten wird (§2, Abs. 1).

Da die TeilnehmerInnenanzahl auf fünf limitiert ist, die Veranstaltung im Freien stattfindet und dadurch, dass die geometrische Anordnung der SpaziergängerInnen einen Mindestabstand von zwei Metern ermöglicht, sehe ich keinen Gesetzesverstoß durch den Philosophischen Spaziergang - die gesundheitliche Gefahr erscheint mir durch Emotionen wie Wut, Angst oder Sorge oder durch gesundheitsschädliche Illusionen wesentlich größer zu sein, als durch einen Spaziergang im Freien.

So freue ich mich auf die teilnehmenden Ghostbusters.

Liebe Grüße

Reinhard Krenn

So, 7.2.2021, 16:00-17:15 Uhr
Was ist Illusion?
TeilnehmerInnen: Harvey

Harvey erzählte über seinen kindlichen Berufswunsch, also einer Illusion mit der beinahe jedes Kind spielt, um Erwachsenenrollen auszuprobieren oder die auf bereits im kindlichen Gemüt kristallisierten Eitelkeiten beruht. Selten können sich diese trügerischen Hoffnungen tatsächlich im späteren Lebenslauf materialisieren oder hinterlassen zumindest blasse Spuren. Zumeist bleiben sie ziemlich substanzlos und sind eine rasch diffundierende Täuschung oder Fiktion.

Die Genese von Fiktionen ist beachtenswert. Sie entspringen aus dem Nichts. Aber soweit zurück bis hin zur Quelle, gelangt auch eine passabel entwickelte Bewusstseinskraft nicht. Und wo es kein Bewusstsein gibt, darüber kann man nichts sagen. Oft verliert sich die Spur unserer Gedankengänge nach wenigen Vorrückungen. Wer jemals versucht hat zu ergründen, wie das hitzige Thema in einer Diskussion oder ein lauter Gedanke entstanden ist, weiß wie rasch man die Suche nach der ursprünglichen Heimat des Gedankens aufgibt und ermattet eine Boje in die Tiefe des Gedankenmeeres versenkt, um den Ursprung zu markieren. Dennoch lohnt sich die Suche, denn wenn wir auch oft nicht an die Grenze des Entstehungsorts einer Fiktion gelangen, so ist doch der Besuch im nächstgelegenen Grenzort aufschlussreich, denn dort hat sie bereits soweit Gestalt angenommen, damit sie zumindest in ihrer kindlichen Form erkannt und ihre weitere Entwicklung im Nachhinein erklärbar wird. Eine Illusion entsteht zwar aus dem Nichts, kristallisiert aber in einer Umgebung, die wir untersuchen können. Die Umgebung liefert das Geländer, an dem sich die Illusion entlang hantelt. Sie entsteht zwar aus dem Nichts, entwickelt sich jedoch in einer Umgebung, die aus bereits materialisierten Fiktionen besteht, die uns vertraut sind und die neue, sprudelnde und hoffnungsfrohe Fiktionen formen.

Es gibt mittlerweile nur mehr Illusionen zweiter Ordnung. Jede Illusion ist zunächst ungestüm und radikal. Spätestens aber, wenn sie hinter dem Nichts im nächstgelegenen Grenzort eintrifft, muss sie Anschlussfähigkeit signalisieren. Sie braucht die Interferenz, wenn sie sich materialisieren und statische Strukturen bilden will. Es gibt keine Illusion erster Ordnung – wie unmittelbar nach dem Urknall – die aus dem Nichts entsteht und in einem Nichts Form annimmt. Selbst monströse Gestalten aus der Sciencefictionszene erweisen der uns bekannten Welt ihre Referenz und haben zumindest subtile Ähnlichkeiten mit bereits Erkanntem. Moralisch isolierte Illusionen, die mit roher Gewalt in der Grenzregion einmarschieren, zerplatzen bald, wenn sie weiter vorrücken, ohne den Rückhalt des Bestehenden zu erbitten. Die Illusion braucht die Kenntnisnahme. Kenntnisnahme gibt der Illusion die Chance auf Heimat und Bestand. Dann kann sie Fleisch werden und unter uns wohnen – so lautet die Wandlungsformel von der Illusion hin zu dem was der Fall bleibt.

Um zu überleben muss sich die Illusion verwandeln und anpassen. Sie verliert an Schwung, gewinnt dabei aber Dauer. Die kreative Verschränkung von Fiktion und Faktum erzeugt das. was davor noch nicht da war und demoliert Althergebrachtes, dessen Trümmer sie als recyceltes Baumaterial nutzt. Das Ganze, erkennbar, weil zerlegt in einzelne materialisierte ehemalige Fiktionen, ist das Wahre.

Gegen Ende unseres Lebens überblicken wir das Ganze unseres Lebens; von der kindlichen Illusion ausgehend, die im ersten Grenzort zum Nichts das Licht der Welt erblickte, über die weitere Entwicklung dieses plätschernden Anfangs, wie geschickt oder ungeschickt der Lebensfluss sein Bett gewählt hat, welche Vertiefungen er in die vorhandene Landschaft grub, ob er er malerisch mäanderte, wo er sich verausgabt, wem er gedient hat, bis hin zu der Frage, ob er sich in das Meer ergießen wird, in einen anderen Fluss mündet oder als Sumpf endet. Das Ganze offenbart die Wahrheit über das Schicksal der Illusion.

 


31.12.2020, 10:09. Einladungstext: Was ist Identität

Liebe NachbarInnen,

das Jahr 2020 war stürmisch. Es hat vieles hinweg gefegt, von dem wir geglaubt haben, es sei fest und unverrückbar. 2020 war ein verrückendes Jahr. Viele haben vielleicht den Schmerz gespürt der entsteht, wenn das was selbstverständlich und zur Gewohnheit wurde, plötzlich nicht mehr erlaubt ist. Gängige Identifikationen wurden 2020 erschüttert, einiges ist zerbrochen. Daher lade ich euch zu Jahresbeginn 2021 auf einen Philosophischen Spaziergang ein, um einen Aspekt der Covid19-Krise mit der Kraft unserer Vernunft zu beleuchten.

Der thematische Proviant für unsere gemeinsame philosophische Untersuchung am So, 3.1.2021, Treffpunkt 15:30 Uhr auf der Tannengasse 1 in Gänserndorf vor TOP 7, besteht in der Frage "Was ist Identität?"

Wem das erstaunliche Ergebnis unseres gemeinsamen Nachdenkens im Dezember über die Empathie näher interessiert, dem sende ich auf Nachfrage gerne das Protokoll per Mail.

Bzgl. möglicher Bedenken im Zusammenhang mit dem frei flottierenden Covid19-Virus, zitiere ich eine indizierte Passage der Verordnung vom 26.11.2020. Erlaubt ist demnach;

§1.(5) Aufenthalt im Freien zur körperlichen und psychischen Erholung
wenn der Mindestabstand von einem Meter eingehalten wird (§2, Abs. 1).

Da die TeilnehmerInnenanzahl auf fünf limitiert ist, die Veranstaltung im Freien stattfindet und dadurch, dass die geometrische Anordnung der SpaziergängerInnen einen Mindestabstand von einem Meter herstellt, sehe ich keinen Gesetzesverstoß durch den Philosophischen Spaziergang - die gesundheitliche Gefahr erscheint mir durch Emotionen wie Wut, Angst oder Sorge wesentlich größer zu sein, als durch einen Spaziergang im Freien.

In diesem Sinne freue ich mich auf anregende sonntägliche philosophische Entdeckungen.

Liebe Grüße

Reinhard Krenn

So, 3.1.2021, 15:30-17:30 Uhr
Was ist Identität?
TeilnehmerInnen: Anja

Das Jahr fängt ja gut an! Wie soll ich die Identität als Philosophischer Praktiker erklimmen, wenn mir die Anerkennung der Menschen fehlt und immer weniger TeilnehmerInnen an diesem Sonntagsdienst des Geistes teilnehmen?

Aber nicht etwa durch Jammern haben wir etwas über die Identität herausgefunden, sondern durch das Nachdenken darüber, u.z. dass uns Identität Halt gibt. Es beginnt schon kurz nachdem wir auf die Welt kommen: alles schwankt; bald bietet sich unserem Geist ein Gesicht, ein Geräusch, ein Geruch, ein Geschmack, eine Berührung, ein Gegenstand an und kurze Zeit später ist das Phänomen wieder weg. Unser Gedächtnis funktioniert noch nicht so, wie es soll und so warten wir am Wickeltisch oder im Kinderwagen, bis wir mit Hilfe einer gesteigerten Gedächtnisleistung fähig sind, Objekte zu speichern und zu erinnern. Wir wissen dann, dass Objekte, die unter dem Tisch, oder hinter der nächsten Ecke verschwinden, nicht wirklich verschwinden. Das nennt man die Fähigkeit zur Objektkonstanz. Endlich haben wir etwas gefunden, das uns beruhigt. Etwas Festes das bleibt, inmitten der schwankenden, bodenlosen Welt – zumindest im Gedächtnis.

Wann immer wir von nun an mental taumeln oder uns Gefühle schwindlig machen, suchen wir Zuflucht zu etwas, das fest verspricht zu bleiben. Etwas, das scheinbar schon immer da war; auch schon vor unserer Geburt. Daher ist die Heimat, das Land unserer Ahnen, ein beliebter Ankerplatz der Identität. Zur Identifikation sind jedoch prinzipiell alle Objekte geeignet, die versprechen zu bleiben, also etwa Ehefrauen oder -männer, eine Firmenmarke, die schon seit 1847 besteht, Marmor, Stein und Eisen, ewige, und daher heilige Wahrheiten usw. Um der pulsierenden Dynamik des Lebens etwas Statisches entgegen zu setzen, haben wir das Versprechen und den Vertrag erfunden, wurden sesshaft und bauten uns ein festes Zuhause, das uns vor dem „Wind of Change“ schützt und uns beruhigt.

Jedoch, in einer dialektisch schwingenden Welt wird das Erste einst zum Letzten. Das was uns einst beruhigt hat, entpuppt sich als Stachel, der sich immer tiefer in unser Fleisch bohrt. Das, was uns die Sorgen bislang abgenommen hat und wir es daher immer wieder aufsuchten, woran wir bislang erfolgreich festhielten, das, was zu unserer Identität wurde, bereitet uns zunehmend Schmerz und Kummer. Keine Identität gewährt ewigen Schutz. Ereignisse können eine Dynamik erzeugen, die vieles hinwegfegt. Ein Unfall, und der Traum vom Olympiagold hinterlässt nur mehr schweißnasse Leintücher. Der Zahn der Zeit zermahlt gemächlicher, aber ebenso gründlich, wie der dynamische Sturmwind eines Ereignisses, die liebgewordene Identität. Das feste Fleisch, die Blüte des Lebens vergeht und weder kosmetische Krücken, noch verschleierte Geburtsdaten oder retuschierte Bildnisse in den sozialen Medien können die alles zermalmende Zeit aufhalten. Es geziemt sich daher das Schaukeln alsbald zu erlernen, um von Identität zu Identität zu gleiten, ohne sich den Hals zu verrenken und ohne dabei zu quietschen – „Lebenskönnerschaft“ nennt das Gerd Achenbach in seinem gleichnamigen Buch.

Es soll im Leben auch vorkommen – um ehrlich zu sein ist es üblich –, dass wir Angeber sind: vor den Anderen, vor uns selbst. Wir sehnen uns im Stillen nach, oder prahlen lautstark mit, einer Identität die wir noch gar nicht haben, die noch gar nicht eins geworden ist mit uns. Um identisch mit einer Identität zu werden, gaukeln wir vor sie bereits zu haben und beleben die Signifikanten, also das was darauf hinweist die Identität zu besitzen und somit authentisch zu sein. So kann man derzeit auf Top 7 lautmalerischen Rülpsgeräuschen lauschen, denn wir beherbergen ein männliches Pubertier, das damit seinen Anspruch auf Männlichkeit demonstriert und umkreist. Was das Pubertier wahrscheinlich nicht so genau weiß aber wir wissen sollten ist, dass letztlich nur die Anerkennung der Anderen uns allmählich die Gewissheit der Authentizität beschert. Die bestätigende Anerkennung einer Identität durch die Anderen bezeugt unseren Gipfelsieg. Erst die Warteschlange, die sich bildet, weil nur maximal fünf Personen am Philosophischen Spaziergang teilnehmen können, erschafft die Gewissheit einer anerkannten Existenz als Philosophischer Praktiker.

Abschließend sei bemerkt, dass die Länge des Trauerzuges der Versuch einer sozialen Geste ist, die noch schnell auf eine gelungene irdische Existenz hindeuten will, bevor der übliche Windhauch alles wieder verweht.

 


 

28.11.2020, 17:25. Einladungstext: Was ist Empathie?

Liebe NachbarInnen,

wer brav und fromm war, dem hat der Nikolaus wahrscheinlich bereits in den frühen Morgenstunden des 6.12. Geschenke in die geputzten Schuhe gesteckt. Daher dürfen die Schuhe am Nachmittag beim Philosophischen Spaziergang ihrer eigentlichen Bestimmung nachgehen und wir können darüber Nachdenken, ob die Fähigkeit zum Mitgefühl uns brav und fromm macht? Oder - wenn das Mitgefühl fehlt - Menschen leblos werden, vertrocknen, verblühen oder verdorren und damit zum Krampus werden?

Der thematische Proviant für unsere gemeinsame philosophische Untersuchung am So, 6.12.2020, Treffpunkt 15:30 Uhr auf der Tannengasse 1 in Gänserndorf vor TOP 7, besteht in der Frage "Was ist Empathie?"

Wem das erstaunliche Ergebnis unseres gemeinsamen Nachdenkens im November über die Toleranz näher interessiert, dem sende ich auf Nachfrage gerne das Protokoll per Mail.

Bzgl. möglicher Bedenken im Zusammenhang mit dem frei flottierenden Covid19-Virus, zitiere ich eine indizierte Passage der Verordnung vom 26.11.2020. Erlaubt ist demnach;

§1.(5) Aufenthalt im Freien zur körperlichen und psychischen Erholung
wenn der Mindestabstand von einem Meter eingehalten wird (§2, Abs. 1).

Da die TeilnehmerInnenanzahl auf fünf limitiert ist, die Veranstaltung im Freien stattfindet und dadurch, dass die geometrische Anordnung der SpaziergängerInnen einen Mindestabstand von einem Meter herstellt, sehe ich keinen Gesetzesverstoß durch den Philosophischen Spaziergang - die gesundheitliche Gefahr erscheint mir durch Emotionen wie Wut, Angst oder Sorge wesentlich größer zu sein, als durch einen Spaziergang im Freien.

In diesem Sinne freue ich mich auf anregende sonntägliche philosophische Entdeckungen.

Liebe Grüße

Reinhard Krenn

So, 6.12.2020, 15:30-17:30 Uhr
Was ist Empathie?
TeilnehmerInnen: Marianne, Lilli, Anja

Vielleicht hat es mit dem Thema zu tun, vielleicht auch, weil die Männer als Nikoläuse unabkömmlich waren, jedenfalls kamen erstmals nur Frauen zum Philosophischen Spaziergang. Erkenntnisdurstig waren sie allemal, daher haben wir auch einiges über die Empathie herausgefunden.

Wie immer wurde auf dem zweiten Wegabschnitt eine Geschichte aus dem Leben erzählt, die mit dem Thema im Zusammenhang steht. Was uns dadurch auffiel war, das Zusammenspiel zwischen Empathie und Urteil, denn die Erzählerin erwähnte mehrmals und ausdrücklich, dass sie während der empathischen Beobachtung der geschilderten Szene registrierte, dass sie über die beobachteten Menschen nicht urteilte. Die Urteilsenthaltung ist eine hinreichende Bedingung für Empathie, denn Urteile tragen oft eine verborgene Eigenschaft unter ihrem Deckmantel: sie sondern uns ab. Urteile errichten eine fast unsichtbare Barriere zwischen dem Subjekt (das wahrnimmt) und dem Objekt (das wahrgenommen wird). Urteile erschaffen das abgegrenzte Ich, seine Identität (und damit seine Stabilität) und Urteile basteln unablässig unsere Vorstellung über die Wirklichkeit zusammen. Daher: um empathisch zu sein, müssen wir das Basteln unterbrechen, die Grenzbalken des Ich zumindest für kurze Zeit öffnen, und möglichst (vor)urteilsfrei wahrnehmen was ist.

Eine zweite Voraussetzung, die wir entdeckt haben, ist die Muße. Wir müssen Zeit haben. Stress und Speed kills Empathie. Denn Stress bedeutet, dass wir irgendwelchen (zumeist beängstigenden) Vorstellungen entfliehen oder nachjagen und keine freie Aufmerksamkeit vorhanden ist, die etwas beobachten kann. Gehetzten Menschen entgehen so unzählige Möglichkeiten empathisch zu sein. Wobei: empathisch zu sein kann auch stressig und anstrengend sein, denn wir öffnen dabei ja unsere Grenzen und lassen neue Informationen unkontrolliert (ohne Vorurteile) in unser psychologisches Zentrum (das Ich) einreisen. Dabei können neue, fremde und verstörende Informationen unsere schöne Bastelei (also unsere Vorstellungswelt) gehörig durcheinander bringen. Das ist der Grund, warum empathische Erfahrungen noch Tage später in unserem Bewusstsein rumoren können. Durch die Offenbarung solcher Nachteile, haben wir uns gefragt, was die Vorteile der Empathie sein können?

Der potentielle Vorteil, den empathische Menschen haben ist die Chance auf Lebendigkeit, sofern wir Lebendigkeit mit Lernen gleichsetzen. Nur neue Informationen, neue Rätsel, neue Erfahrungen können Lernimpulse setzen, die – gut verarbeitet – dazu führen, dass aus unseren zusammengebastelten Vorstellung über die Wirklichkeit langsam belastbarere und solidere Konstruktionen werden. Der Gradmesser für die Tauglichkeit unserer Vorstellungswelt ist die Seelenruhe. Bleiben wir gelassen in Situationen die uns nicht gleichgültig sind, oder können wir den inneren Frieden nur herstellen, in dem wir uns abschotten und zum Krampus werden; leblos, humorlos und vertrocknet, verblüht und verdorrt?

Der tiefste metaphysische Grund für unsere Fähigkeit zur Empathie ist die Einheit. Durch unsere Existenz in Raum und Zeit sind wir dazu genötigt im Laufe unserer Entwicklung Individuen (getrennte Einzelwesen) zu werden. Das auffälligste Merkmal dieser Abtrennung auf der biologischen Ebene ist die eigene Haut, auf der psychologischen, die eigene Vorstellungswelt. In Wirklichkeit allerdings gibt es nur das Eine, aus dem die Vielen entstehen. Erblicken wir also etwas oder jemand, sehen wir uns immer nur selbst: Tat Twam Asi (Sanskrit: „Das bist du“). Genaueres dazu schreibt Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Moral.

 


 

30.10.2020, 10:08. Einladungstext: Was ist Toleranz?

Liebe NachbarInnen,

wegen der Winterzeit und auf Anraten von Lilli und Veronika, finden die nächsten Philosophischen Spaziergänge Sonntags statt. Der nächste eben am 8.11., Treffpunkt 16:00 Uhr auf der Tannengasse in Gänserndorf vor TOP 7.

Der thematische Proviant hat sich aus dem Spaziergang im Oktober entwickelt (vgl. Blogartikel) und lautet: Was ist Toleranz?

Abschließend möchte ich euch noch auf die adaptierte Beschreibung des Formats in der Anlage zu diesem Mail hinweisen.

Liebe Grüße

Reinhard Krenn

 

So, 8.11.2020, 16:00-18:00 Uhr
Was ist Toleranz?
TeilnehmerInnen: Marianne, Willi, Wolfgang, Matthias

Nach wie vor ist die Nervosität der neuen Teilnehmer zu Beginn bemerkenswert und nötigt mich ein wenig zu kalmieren und daran zu erinnern, dass wir darauf achten müssen, die Neugier und Lust am Denken herein zu lassen und stressende Erwartungen an uns selbst vor die Tür zu setzen. Der erste, schweigend begangene Weg, füllt sich rasch mit dicker konzentrierter Atmosphäre, in der relevante Geschichten über Begebenheiten im eigenen Leben, die zum thematischen Proviant passen, gesucht werden. Und dann am zweiten Teilstück lauschen wir der plötzlich erscheinenden Geschichte, zu dessen Erzählung irgendeiner der Spaziergänger innerlich gedrängt wird. Hier sind wir dem Zufälligen ausgeliefert. Das, was uns zugefallen ist, heben wir auf, in dem wir es gastfreundlich in unser Bewusstsein treten lassen und beginnen Fragen an den Gast zu stellen, der in Form diese Geschichte erscheint. Es sind Verständnisfragen, Fragen über zeitliche Abläufe, Fragen über Detailaspekte, die der Geschichtenerzähler beantwortet.

Auf dem dritten Teilstück unseres Philosophischen Spaziergangs ist Ostern. Wir suchen akribisch nach relevanten Details in der Geschichte, die einen Hinweis auf die Fragestellung enthalten können. Oft sind wir überrascht, welche Untiefen so eine vordergründig kleine, kurze Geschichte haben kann. Das so gesammelte Material wird dann auf dem vierten Teilstück mit Hilfe unserer geistigen Kräfte geordnet, denn der Verstand macht nichts lieber als zu differenzieren und zu ordnen – das ist sein Wesen und seine Bestimmung. Er verschlingt nicht gierig das Gefundene, sonder arrangiert es, damit wir es besser verstehen, begreifen und verdauen können.

Was ist Toleranz nun? Was haben wir entlang unseres Weges herausgefunden über diesen Begriff? Zunächst haben wir bemerkt, dass es einen Ort gibt, wo Toleranz keinen Sinn macht: in der Einsamkeit. Dem Einen, dem nichts Zweites gegenüber und im Weg stehen kann, braucht ihn nicht. Toleranz, also erdulden und ertragen, erscheint nur in der Vielfalt. Dort, wo sich die Vielfalt auftürmt, wo sich die Vielen auf engem Raum häufig begegnen, erhält der Begriff erst Bedeutung.

Die Last, die wir stemmen und ertragen können, ist nicht immer konstant. Sie schwankt, je nach unserer aktuellen physischen und psychischen Verfassung. Befinden wir uns in unserer Mitte, haben wir soeben im Lotto gewonnen, wurde uns ein Kind geboren; so sind wir beinahe bereit die ganze Welt zu umarmen und zu ertragen. Hatten wir einen dieser schweren Tage, wo allzu vieles nicht nach unserem Wunsch gelaufen ist, sind wir erschüttert über die Niederlage unseres Lieblingsklubs, haben wir soeben 100€ verloren; so lässt uns die nächste kleinste Belastung aufjaulen. Wir sind ungeduldig und intolerant.

Unser nächstes Fundstück war der Zusammenhang mit Wertvorstellungen. Toleranz wird nur notwendig, wenn es eine Vielfalt an Werten gibt. Nur dann, wenn in einem eingegrenzten Raum, mindestens zwei grob unterschiedliche Werte aufeinander treffen, ist sie gefragt. Wie kann ich den aktualisierten Wert des Anderen aushalten, der dem meinigen, jetzt gerade relevant gewordenen Wert, gegenüber steht? Um auf die erzählte Geschichte einzugehen: Wie kann ich akzeptieren, dass der Andere den Motor laufen lässt, (vermutlich) aufgrund seiner Wertschätzung der Abwärme des Motors im kalten Fahrgastraum, während ich den Wert eines schlafenden eigenen Kindes durch den Motorenlärm in Gefahr sehe?

Einen Schlüssel zur Regelung von Wertkonflikten haben wir auch entdeckt: die Empathie; das (am besten wechselseitige) Verstehen wollen und können des Anderen. Die Empathie wirkt wie ein Hebel, mit dem ich plötzlich Lasten heben (=tolerieren) kann, die zuvor Tonnen an Gewicht zu haben schienen. [So eine Einsicht ist eben nur möglich, wenn ich willens bin, vorübergehend die Identität des Anderen einzunehmen, sprich empathisch bin.] Die Fähigkeit zur Empathie steigert die Fähigkeit zur Toleranz und verringert Frequenz und Amplitude der Schwankungen, die weiter oben beschrieben wurden. Empathie ist also ein natürliches Beruhigungsmittel [das allerdings viel schwerer zu beschaffen ist, als Barbiturate aus der Apotheke – die im übrigen das Gedächtnis löschen].

Eine überstrapazierte Toleranz macht uns schläfrig und träge. Wir vergessen auf unsere Werte, die gleichzeitig auch immer Grenzen markieren und verzichten darauf entlang, dieser Grenzen auf Patrouille zu gehen. Die Grenzverletzung eines Intoleranten weckt uns. Denn wie ist es möglich tolerant zu den Intoleranten zu sein? Das geht nur im Tiefschlaf, wenn wir die Grenzverletzung nicht bemerken. Aber wenn der Intolerante wild um sich schießt und seine Opfer uns aufwecken, sind wir mit der Frage nach der Grenze der Toleranz konfrontiert. Und dann diskutieren, streiten, verhandeln wir über Werte. Und das ist so spannend, dass wir noch lange nach dem Spaziergang bei einer Flasche Wein miteinander geredet haben.


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