Essays

Weil der Kategorie der Protreptik (Verführungen zur Philosophie) das Verprechen der Interaktivität mitgegeben wurde, freue ich mich über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu den Essays.

Textlich
Hat das Allgemeine Wirklichkeit?
Wer das Heilfrohe nicht erhofft, kann es nicht finden

Phonetisch

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Externer Link zum im Essay erwähnten Video "Zivilcourage im Reisezug - eine psychologische Untersuchung mit Hilfe des unsichtbaren Theaters"

 


 

Hat das Allgemeine Wirklichkeit?

Das was wir Krisenzeiten, etwa während einer Pandemie aber auch in Zeiten einer Verteilungs- oder Klimakrise gesellschaftlich erleben und – wie unter einer Lupe – für alle deutlich sichtbar wird, ist die Aufspaltung der Gesellschaft in individuelle Willensbekundungen und ein Kräftemessen einander scheinbar entgegengesetzter Willenskategorien.

Der deutsche Philosoph Wilhelm Dilthey hat die Philosophie als eine Leistung bezeichnet, „die aus einem Bedürfnis des einzelnen Geistes nach Besinnung über sein Tun, nach innerer Gestaltung und Festigkeit des Handelns, nach fester Form eines Verhältnisses zum Ganzen der menschlichen Gesellschaft entspringt.“ Jedoch hat sich beim Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der menschlichen Gesellschaft seit dem frühen 20. Jahrhundert, aus der dieses Zitat stammt, vieles verändert, auf das ich nun näher eingehen möchte.

Der Mensch ist ein auf Gemeinschaft und Kooperation angewiesenes Lebewesen, er vermag zwar auf einer einsamen Insel als Robinson zu überleben, ist dann aber weit davon entfernt glücklich zu leben. US-amerikanische-britische Soziologe Richard Sennett hat diese These in seinem 2012 auf Deutsch erschienen Buch „Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält“ näher untersucht. Auch der griechische Philosoph Aristoteles sprach in seiner staatstheoretischen Schrift „Die Politik“ vom Menschen als einem „Zoon Politikon“‚ einem sozialen und politischen Wesen, das in einer Polisgemeinschaft lebt.

Der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer war wesentlich pessimistischer, was das Zusammenleben von Menschen betrifft. Er benützte zur Verdeutlichung seiner Skepsis die Parabel von den Stachelschweinen:

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.

Schopenhauer behauptet weiters, dass die innere Leere der Menschen dazu führt, dass die Menschen eine Gesellschaft bilden, um diese Leere zu füllen. Sie werden aber alsbald von schlechten Charakterzügen der anderen belastet (die Stacheln der Stachelschweine). Dagegen sind Menschen, deren Inneres ausgefüllt ist, auf die Gesellschaft anderer nicht angewiesen.

Mag sein. Schopenhauer hat zwar auch eine Pandemie erlebt – eine Cholera-Pandemie – aber ohne strenge Lockdownmaßnahmen. Wir sind hier wesentlich erfahrender als Schopenhauer und ich bin mir sicher, dass auch Menschen mit einem reichhaltigen Innenleben einige konkrete gesellschaftlich bedingte Dinge nennen können, die sie im Lockdown schmerzlich vermisst haben.

Zwar kann man Schopenhauer folgen, wenn er das Innenleben als eine Variable einführt, die das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft moderiert, aber um ein reichhaltiges Innenleben zu generieren sind Menschen auf die Gesellschaft angewiesen. Das Fühlen, Denken und Handeln von Individuen entsteht aus den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen heraus, in die sie hineingeboren werden und in denen sie leben und sterben. Kein Gefühl, kein Gedanke und keine Handlung kann jemals völlig abgelöst von der Gesellschaft gedacht werden – außer vielleicht die des rosa Babyelefanten, den manche auch Gott nennen.

Soweit, so klar. Aber wie hat sich das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft bzw. Gesellschaft nun durch die Jahrhunderte verändert? Die Tatsache der geringen Lebenserwartung in früheren Zeiten, hat eine Fokussierung auf den Einzelnen nicht gerade begünstigt. Das was zu einer gewissen Kontinuität und Stabilität unter dem Umstand einer plötzlich eintretenden Unverfügbarkeit eines Einzelnen durch Abwesenheit oder Tod verhilft, sind gesellschaftlich organisierte Strukturen. Die Erfindung von verbindlichen Regeln hilft einer Gesellschaft dabei einen gewissen Grad an Organisation und Stabilität zu erreichen. Werden die dann auch noch schriftlich fixiert, etwa in Form von in Stein gemeißelten Gesetzestexten des Codex Hammurapi, einer babylonische Sammlung von Rechtssprüchen aus dem 18. Jahrhundert v. Chr., gilt das zu Recht als ein Meilenstein der Menschheitsgeschichte.

Über einige tausend Jahre war der Einzelne fast nichts, das Allgemeine jedoch beinahe alles. Wir können dieser Doktrin entlang der Menschheitsgeschichte folgen und es gab immer wieder Perioden in der das Allgemeine dominant wurde – denken wir an den Gottkönig der alten Ägypter, an die Cäsaren des römischen Imperiums und an den europäischen Absolutismus im 16., 17. und 18. Jahrhundert.

Dann jedoch brach 1789 die Französische Revolution aus und dieses Ereignis löste allmählich die Vorherrschaft des Allgemeinen ab. Es war der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der das Individuum in Form des „edlen Wilden“ adelte. Der Unterschied zur Seligsprechung des Gewissens des Individuums durch Martin Luther im 16. Jahrhundert lag darin, dass Gott im 18. Jahrhundert keine so große Rolle mehr spielte und der Siegeszug des Individuums quasi ungebremst weiterlaufen konnte. Einmal noch, während der Hitlerei und im Stalinismus, bekam das Allgemeine die Oberhand und opferte Millionen Individuen für eine verrückte Ausprägung der Idee des Allgemeinen während des 2. Weltkriegs.

Seit Love, Peace und Happyness, seit den Befreiungsbeats der Hippies in den 1960ern und 70ern ist zumindest in westlich geprägten Gesellschaften klar, dass das Individuelle gegenüber dem Allgemeinen den Führungsanspruch stellt; mit ähnlich verrückten aber spiegelverkehrten Ideen im Gepäck, wie der Absolutismus des Allgemeinen.

Beförderte die Romantik den Geniekult bis in das 19. Jahrhundert hinein, so katapultieren ihre mächtigen Ausläufer das Individuum des 21. Jahrhunderts in die Singularität. Die Singularität ist ein Begriff den der Deutsche Soziologe und Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz geprägt hat, und meint ein in der Spätmoderne konstruiertes Bewertungssystem, das Besonderheit und Einzigartigkeit des Individuums auszeichnet. Die Belege dafür sind vielfältig, aber besonders dicht in der Welt der sogenannten sozialen Medien. Hier giert das Singuläre nach Bestätigung in Form von Likes und Followern auf Facebook, Instagram, Youtube und co. Die Singularisierung münde, so Reckwitz, in eine gesellschaftliche Polarisierung, also eine Abwertung des Nicht-Singulären, des Traditionellen, der Gemeinschaft und Solidarität.

Die Suche nach der Wahrheit, nach dem Potential einer Sache, die fähig ist allgemein gültig zu werden haben die meisten Singularisten aufgegeben. So bleibt ihnen nur mehr der Rückzug in das eigene beliebige Innere, die erste und letzte Bastion in der sie die Wahrheit vermuten. Einmal hat mir jemand bei einer Diskussion über den Begriff Wahrheit gesagt: „Das was ich mir denke ist die Wahrheit. Ich denke es, also muss es wahr sein.“ Voilá; hier hat jemand die eigene Einbildungskraft zur Wirklichkeit erhoben.

Man hat den US-Amerikanern ganz lange die Geschichte ihres Landes als eine Story der unbegrenzten individuellen Möglichkeiten erzählt. Am 6. Jänner 2021 haben 800 entgrenzte Individuen das Kapitol gestürmt, nachdem ihnen der Oberhirte den Sanctus dafür angedeutet hat. Wer in einer willkürlichen Demokratie leben möchte, hebe jetzt den rechten Arm - wenn der Arm regungslos blieb, ist dies ein stummes Zeichen für die Notwendigkeit über das Wesen des Allgemeinen und die Form unseres Verhältnisses zum Ganzen der menschlichen Gesellschaft nachzudenken, so wie es Dilthey eingefordert hat. Das ist die philosophische Form des kinesiologischen Muskeltests und sie steht unter der Schirmherrschaft des antiken Philosophen Heraklit, der gemeint hat: „Drum ist’s Pflicht, dem Gemeinsamen zu folgen. Aber obschon der Logos allen gemein ist, leben die meisten doch so, als ob sie eine eigene Einsicht hätten.“

 


 

 Wer das Heilfrohe nicht erhofft, kann es nicht finden

Springlebendig und unversehrt müsste man sein. Einen Appetit darauf hat jedes Lebewesen. Es scheint als ob eine geschmackliche Erinnerung daran im Fleisch hockt. Wer vergessen hat wie sich heilfroh anfühlt, der beobachte Kinder beim sorglosen Spiel. Der Genuss der Erinnerung entsteht dabei durch das Vermögen der Empathie, die Hautgrenzen überschreiten kann.

Emporlodernde Leidenschaften des Augenblicks, die aber ebenso rasch abkühlen wie sie aufgestiegen sind, wecken die Gier nach einem Weltenbrand. Jedoch: Ein Feuerzeug, wie schön und fein, kann kein Spielzeug für leichtsinnige Kinder sein. Leidenschaft ist Feuerzeug. Und mit Hitze erzeugt man Beton und Ziegel.

Wie die Erfahrung lehrt, besteht das Land um uns herum aus egozentrischen Bausteinen, die vom Zahn der Zeit zermalmt werden. Durch den Blick auf die aufgespeicherte graue Zeit der Vergangenheit, unablässig purzelnde Ereignisse des Augenblicks und virtuellen Schüssen in die Zukunft, wird die eigene Vergänglichkeit zur Gewissheit. Durch die Enttäuschung über den Verlust von Nimmerland, der Insel auf der alle Illusionen wahr werden, sofern man an sie glaubt, gelangt die Tristesse in unser Leben.

Das erschrockene und verzagte Ich entfernt sich ein Stück weit von der Welt und zieht einen Kreidekreis um sich. Vibrierende Ereignisse drohen permanent die Kreidespuren der individuellen Existenz zu verwischen. Das eingekreiste Ich schwingt inmitten der Vibrationen des Universums und verkrampft, wenn Tiefe und Schwere der Welt seine kleinmütigen Ziele gleichmütig negieren. Das Ich ist eine Konstruktion, die aus Widerstand und Rebellion gegen das Fremde besteht.

Zwei falsche Mütter schaukeln das Ich zwischen hastig konsumierter Satisfaktion und eiskalten, transzendentalen Wünschburgen und entzünden den Schmerz. Jüngst schickte sich eine Über-, eine Metamutter an, das kleine Ich von beiden Enden her durch den Kreismittelpunkt zu schaukeln. Mit kreideweicher Stimme und kreidebleichem Gesicht verspricht sie die virtuelle und körperlose Erlösung. Der ewige Sing-sang und Hokuspokus der Abkürzungen durch das Gebirge der Existenzialien bekam eine neue Färbung.

Die immersive Metamutter entfernt das Fleisch, verspricht die Schwerelosigkeit und verkündet das ewige Leben. Hurralala! Juchzend taumelt man in Alexas Arme. Kopflos lässt man sich in das Starship fallen, um in den eiskalten transzendentalen Raum zu entfliehen, wenn es auf der Erde zu heiß wird.

Der unbekannte Soldat hat seine Mission erfüllt. Kaum jemand kann sich mehr an ihn erinnern. Oder weiß noch wer, dass er vollgepumpt mit Nihilin im Schnee lag, weil ihm der Feldzug zu hart wurde? Wir rebellieren gegen den Schmerz. Der Soldat rebelliert nicht mehr, sondern fügt sich demütig mit den Worten „amor fati“ in sein Schicksal.

Dort im Schnee liegend kann ihm keiner was anhaben. Dort im Schnee empfindet er sich als geliebt. Er vergisst die Abgrenzung durch den Kreidekreis, weil er erfährt dass die Welt Nahrung ist. So wie Anzengrubers Steinklopferhanns auf der grünen Wiese erfährt: "Es kann dir nix gschehn!"

 

Das Heilfrohe ist ein Signum der Macht. Mächtig muss man erst einmal werden. Das dauert. Man muss etwas dafür tun, um etwas zu können. Daher knurrte der antike Hund Diogenes die Worte: „Das Beste im Leben ist Mühsal!“ – und pries nicht die technisch organisierte Abkürzung.

Wenn wir aufhören die Erkenntnis zu suchen, wonach die Welt eigentlich Nahrung ist, wenn wir die Metamutter mit der wirklichen verwechseln, wenn Empörung und rebellische Shitstorms unablässig kleine Kreidekreise zeichnen, wenn wir die Illusion lieben, das Denken, die Hoffnung und Anstrengung aber hassen, dann hat das Wörtchen "heilfroh" bald keinen Platz mehr in der Welt.


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